Mut zur Selbstständigkeit und der Umgang mit Unsicherheit

„Ich würde so gerne mutiger sein und den Schritt in die Selbstständigkeit ganz wagen. Aber ich traue mich einfach noch nicht.“ 
Diesen Satz hörte ich von einer Klientin, die bereits immer mal wieder teilselbstständig gearbeitet hatte. Sie hatte viele Ideen, ein gutes Netzwerk und Menschen in ihrem Umfeld, die an sie glaubten. Und trotzdem kam sie nicht so richtig ins Tun. Ihr aktueller Job war grundsätzlich in Ordnung. Sie machte ihn gerne. Aber er war nicht das, was sie wirklich erfüllte. Immer wieder tauchte deshalb derselbe Gedanke auf: Soll ich es wirklich wagen?
Die Gedanken drehten sich im Kreis: Was, wenn es nicht funktioniert? Bin ich wirklich gut genug? Kann ich davon tatsächlich leben? Ist es nicht vernünftiger, einfach in meinem sicheren Job zu bleiben?

Zwischen Sicherheit und Sehnsucht 

Gleich in der ersten Sitzung hatten wir einen wunderschönen Moment: Als sie begann zu träumen, mir ganz genau zu erzählen wie sie sich ihre perfekte Zukunft vorstellte, veränderte sich etwas. Sie spürte pure Freude. Nicht nur ein rationales „Das wäre eigentlich schön“. Sondern echte Vorfreude, Energie und Begeisterung. 
Das Ziel selbst war also gar nicht das Problem. Die Frage war vielmehr: Was hält sie davon ab, ihrem Traum zu folgen?

Die eigene Unsicherheit 

Wir haben einen Perspektivwechsel vorgenommen, der im Coaching sehr hilfreich sein kann. Statt zu sagen: „Ich bin unsicher.“ haben wir die Unsicherheit als einen Teil von ihr betrachtet. 
Denn die Klientin ist nicht ihre Unsicherheit. Sie hat auch andere Seiten in sich: eine mutige, zuversichtliche, kreative, neugierige und entschlossene Seite. Die Unsicherheit ist nur eine davon. Wir haben diese Seite deshalb genauer kennengelernt: 

  • Wann taucht sie besonders gerne auf?

  • Was befürchtet sie?

  • Und vor allem: Wovor möchte sie meine Klientin eigentlich schützen?

Denn häufig steckt hinter einer vermeintlich hinderlichen Reaktion eine durchaus nachvollziehbare positive Absicht. Vielleicht möchte die Unsicherheit vor finanziellen Risiken schützen. Vor Enttäuschung. Vor Überforderung. Oder davor, einen Fehler zu machen und es später zu bereuen. 
Und plötzlich war die Unsicherheit nicht mehr der „Gegner“, den es zu besiegen galt. Sie wurde zu einer inneren Stimme, die etwas Wichtiges beitragen wollte. 

Eine neue Vereinbarung mit der Unsicherheit 

Gemeinsam haben wir deshalb eine neue innere Vereinbarung entwickelt:  Die Unsicherheit darf sich melden. Aber sie soll nicht die Führung übernehmen.

Sie darf Fragen stellen. 
Sie darf auf Risiken hinweisen. 
Sie darf vorsichtig sein. 

Aber gleichzeitig darf es auch andere Stimmen geben. 
Die Zuversichtliche. 
Die Mutige. 
Die Neugierige. 
Die, die sagt: „Ich möchte es ausprobieren.“

Und genau diese Seiten haben wir bewusst eingeladen, mehr Raum einzunehmen. Denn Mut bedeutet nicht unbedingt, dass die Angst oder Unsicherheit verschwindet. Mut kann bedeuten, dass ich trotz meiner Unsicherheit handlungsfähig bleibe.

Was können wir daraus lernen? 

Vielleicht kennst du solche Gedankenschleifen selbst. Du möchtest etwas verändern. Einen neuen beruflichen Weg einschlagen. Dich selbstständig machen. Eine Beziehung beenden oder beginnen. Ein Projekt starten. Mehr für dich einstehen. 

Und dann kommen die Zweifel. 

Was, wenn es schiefgeht?
Was, wenn ich nicht gut genug bin?
Was werden die anderen denken?
Bin ich wirklich bereit?

Solche Gedanken bedeuten nicht automatisch, dass du den falschen Weg einschlägst.  Manchmal bedeuten sie einfach, dass ein Teil von dir Sicherheit sucht.  Vielleicht lohnt es sich dann, nicht sofort gegen diese Zweifel anzukämpfen, sondern ihnen neugierig zu begegnen: 

  • Was genau möchte diese Unsicherheit verhindern? 

  • Wovor möchte sie mich schützen? 

  • Und welche andere Seite in mir möchte ebenfalls gehört werden? 

  • Was würde meine mutige oder zuversichtliche Seite jetzt sagen? 

Du musst nicht warten, bis du dich zu 100 Prozent sicher fühlst. Denn vielleicht entsteht Sicherheit nicht dadurch, dass wir alle Zweifel beseitigen. Vielleicht entsteht sie, indem wir lernen, auch mit einem Teil Unsicherheit unseren eigenen Weg zu gehen. Und manchmal beginnt Mut genau dort: Nicht wenn die Unsicherheit verschwindet – sondern wenn wir ihr freundlich sagen: „Ich höre dich. Und trotzdem möchte ich es versuchen.“

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Berufliche Neuorientierung – wie finde ich Klarheit?